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LIBRETTO-
WETTBEWERB

gestaltung

Die Geschichten I:

Haruki Murakami
‹Der Bäckereiüberfall›

Inhalt

Zwei Freunde sind hungrig. Sie haben seit zwei Tagen nur Wasser getrunken und nichts gegessen außer einmal Sonnenblumenblätter. Aber danach steht ihnen nun nicht mehr der Sinn. Die beiden vermuten, dass ihnen nur deshalb keine Tauschobjekte für Nahrung zur Verfügung stehen, weil sie nicht genug Phantasie besitzen, ein Umstand, den sie wiederum auf den bohrenden Hunger zurückführen. Dieser macht sie nicht nur phantasielos sondern auch böse und daher beschließen sie, einen Bäcker zu überfallen, der Kommunist ist und Wagnermusik aus dem Kasettenrekorder hört. Mit einem Messer hinter dem Rücken warten sie ungeduldig bis eine Kundin, die – hin- und hergerissen zwischen Melonenteilchen und Krapfen – sich schliesslich für zwei Croissants entscheidet, bezahlt und endlich geht. Dann teilen sie dem Bäcker mit, dass sie sehr hungrig sind und nicht bezahlen können. Der Bäcker fordert sie auf so viel Brot zu essen, wie sie möchten, ihr Geld brauche er nicht. Die beiden erklären dem Bäcker, dass sie das Brot so nicht annehmen können, weil sie Böses im Schilde führen. Der erste Vorschlag des Bäckers, sie dafür zu verfluchen, wird abgelehnt. Schließlich kommt er auf die Idee, die beiden mögen im Gegenzug für das genossene Brot Wagnermusik lieben. Darauf einigt man sich. Die beiden hören mit dem Bäcker gemeinsam Tristan und Isolde. Dann gehen sie nach Hause und essen Unmengen von Brot. Und mit dem Verschwinden des Hungers setzt auch die Phantasie wieder ein. Klick.

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der elefant verschwindet
Haruki Murakami ‹Der Elefant verschwindet›

Beide Erzählungen sind enthalten im Erzählband von Haruki Murakami ‹Der Elefant verschwindet›, aus dem Japanischen von Nora Bierich, erschienen im BVT Berliner Taschenbuch Verlag, 240 Seiten, ISBN 9783833303012, € 8,90 [D], sFr 16,50 [CH]

Der Erzählband ‹Der Elefant verschwindet› wurde im August 2007 in gebundener Form bei DuMont Kunst und Literatur Verlag neu aufgelegt.

  

Die Geschichten II:

Haruki Murakami
‹Der zweite Bäckereiüberfall›

Inhalt

Jahre später. Der Ich-Erzähler, einer der Täter im ersten Bäckereiüberfall, erzählt den zweiten Bäckereiüberfall und wie es dazu kam: Er arbeitet mittlerweile in einer Rechtsanwaltskanzlei und ist seit zwei Wochen verheiratet. Da überfällt das junge Paar aus unerklärlichen Gründen um zwei Uhr nachts ein so gewaltiger, geradezu unfair zu nennender Hunger, dass beide davon aufwachen. Im Kühlschrank finden sich lediglich ein Sixpack Bier, schrumplige Zwiebeln, Butter, Dressing und „Geruchsfrei“ – alles ungeeignet den rätselhaften Riesenhunger zu stillen. Sein Vorschlag, an einer der Durchzugsstraßen von Tokyo ein 24-Stunden-Restaurant aufzusuchen, wird von ihr abgelehnt, weil nach Mitternacht Essen zu gehen, irgendwie nicht richtig sei. Das bringt ihn darauf, dass es sich wohl um einen besonderen Hunger handeln muss, dessen spezifische Qualität sich in einem Bild seiner Phantasie manifestiert: Er sitzt in einem kleinen Boot auf dem ruhigen Meer und schaut in besonders klares Wasser. Am Grunde des Meeres, dessen Entfernung von der Wasseroberfläche nicht zu schätzen ist, befindet sich die Mündung eines Vulkans, direkt unter ihm.

Die beiden trinken das Bier aus, ohne damit den Hunger weg zu kriegen. Sie fragt sich schließlich, ob dieser mysteriöse Hunger vielleicht mit ihrer Heirat zu tun hat. Wieder schaut er aus dem Boot auf den Vulkan und plötzlich breitet sich in seiner Magengrube das Gefühl aus, dort eine Höhle ohne Ausgang und ohne Eingang zu haben. Genau dieses Gefühl hatte er damals vor dem ersten Bäckereiüberfall.

Er erzählt seiner Frau davon, die ihn durch ihre Fragen darauf bringt, dass dieser Überfall wohl letztlich der Grund war, warum er seinen Freund aus den Augen verlor. Sie ist sich nun sicher, dass dieser Bäckereiüberfall einen Fluch über ihn gebracht hat, der, da ja sie nun sein Freund sei, offensichtlich auch auf sie übergegangen ist, denn so einen Hunger hätte sie vor dieser Heirat noch nie in ihrem Leben erfahren. Zweifellos müssen sie nun sofort aufs Neue eine Bäckerei überfallen, um den Fluch zu bannen.

Die beiden fahren mit ihrem alten Toyota durch Tokyo und suchen eine offene Bäckerei. Er wundert sich darüber, dass sie ein Remington Automatik-Schrotgewehr und zwei Skimützen besitzt, die nun im Auto liegen. Weder sie noch er sind jemals Ski gefahren. Sie erklärt nichts, er fragt nicht und denkt, dass eine Ehe schon irgendwie merkwürdig ist. Die Suche nach der offenen Bäckerei bleibt erfolglos. Sie will aber nicht ohne weiteres aufgeben und beschließt, die offene McDonalds-Filiale zu überfallen, an der sie gerade vorbeifahren. Das ist immerhin etwas Ähnliches wie eine Bäckerei und wird schon reichen, um den Fluch zu bannen. Er hält an, und sie verklebt die Autokennzeichen.

Abgesehen von einem schlafenden Liebespärchen ist die Filiale leer. Sie zwingen mit vorgehaltener Schrotflinte das dreiköpfige McDonalds-Team, dreißig Hamburger zu verpacken und kostenlos auszuhändigen. Zwei Colas erwerben sie käuflich, da ja beim ersten Überfall damals keine Getränke mit im Spiel waren. Allen Verhandlungsversuchen zum Trotz, lieber das ganze Geld aus der Kasse zu nehmen, weil das weniger Probleme mit der Versicherung verursachen würde, bleibt den drei verblüfften Angestellten nichts anderes übrig, als klein beizugeben und sich schließlich mit einer Paketschnur, die seine Frau ebenfalls professionellerweise dabei hat, an eine Säule im Lokal binden zu lassen.

Die beiden fahren mit ihrem Toyota davon, halten auf dem Parkplatz eines Hochhauses, essen Hamburger und trinken Cola bis – bei einsetzender Morgendämmerung – der Hunger, von dem sie dachten, dass er ewig dauern würde, verschwunden ist. Sie schläft ein, mit einem Körper leicht und weich wie der einer Katze, und er lehnt sich aus dem Boot und schaut auf den Meeresgrund. Der Vulkan ist verschwunden. Er legt sich der Länge nach ins Boot und wartet, dass die Flut ihn trage, wohin er gehört.

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